Gute außerklinische Intensivpflege braucht keine Superhelden...
- vip

- vor 2 Tagen
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...sondern Pflegefachkräfte, die verstehen, was ihr Verhalten auslöst.
Willkommen beim Pflegedienst Atemlos.
Hier arbeiten echte Profis. Zumindest sind sie davon ziemlich überzeugt. Sie haben Erfahrung, eine examinierte Ausbildung, schon schwierigere Situationen erlebt – und wenn es darauf ankommt, retten sie vermutlich auch noch kurz die Welt.
Das Problem ist nur: Außerklinische Intensivpflege findet nicht im Superheldenfilm statt.
Sie findet im Wohnzimmer eines anderen Menschen statt. Zwölf Stunden am Stück. Tag für Tag. Oft über Jahre. Pflegefachkräfte, Klient und Angehörige erleben einander dort nicht für eine halbe Stunde, sondern teilen einen erheblichen Teil ihres Alltags.
Und plötzlich entscheidet nicht mehr nur die Frage „Kann ich pflegen?“ über die Qualität einer Versorgung.
Sondern auch:
Wie verhalte ich mich, wenn ich mich kritisiert fühle? Wie spreche ich über Kollegen?Wie gehe ich mit dem Wissen der Angehörigen um? Wie viel von mir selbst gehört eigentlich in diese Wohnung? Und was tue ich, wenn gerade einmal nichts zu tun ist?
Genau darum geht es in unserer kleinen Serie „Wie Intensivpflege funktioniert“.
In Teil 1 schauen wir auf uns Pflegefachkräfte.
Und dabei begegnen wir immer wieder unserem fiktiven „Pflegedienst Atemlos“. Die Ähnlichkeit mit real existierenden Pflegediensten ist selbstverständlich völlig ausgeschlossen. 😉 Die Situationen sind überspitzt. Das Problem dahinter ist es nicht...
Das eigentliche Problem beginnt oft viel früher
Viele Konflikte in der 1:1-Intensivpflege beginnen nicht mit einem großen fachlichen Fehler. Sie beginnen mit einer Kleinigkeit. Ein Blick. Ein Satz. Ein genervtes Seufzen.
Oder mit dem Gefühl:
„Jetzt reicht's mir aber.“
Und genau das ist interessant. Denn viele der problematischen Reaktionen, die wir in diesem Artikel zeigen, sind zunächst einmal attraktiv. Wenn ich mich angegriffen fühle, möchte ich mich verteidigen. Wenn Angehörige mich korrigieren, möchte ich zeigen, dass ich die Fachkraft bin. Wenn ich genervt bin, möchte ich darüber reden. Wenn eine Kollegin mich nervt, fühlt es sich gut an, wenn jemand meine Sicht bestätigt. Und wenn ich zwölf Stunden in einer Versorgung bin, möchte ich mich irgendwann einfach hinsetzen und meine Ruhe haben.
Alles menschlich.
Aber professionelles Verhalten beginnt an einer entscheidenden Stelle:
Nicht alles, was sich in diesem Moment für mich richtig anfühlt, ist auch gut für die Versorgung, in der ich morgen, nächsten Monat und vielleicht noch in drei Jahren arbeiten möchte.
Das ist der Blick über den Tellerrand.
1. Die Übergabe: Reden wir über Menschen – oder über die Versorgung?
Stellen wir uns eine ganz normale Übergabe vor.
Die Angehörigen stehen vielleicht sogar in Hörweite.
Und dann fällt dieser Satz:

„Und dann haben die Angehörigen wieder so genervt …“
Für die beiden Kollegen kann sich das zunächst gut anfühlen. Endlich versteht jemand meinen Ärger. Endlich kann ich erzählen, was gestern los war. Nur passiert dabei etwas.
Die Angehörigen hören nicht lediglich eine Beschwerde.
Sie lernen:
So wird hier über Menschen gesprochen, wenn sie nicht Teil des Gesprächs sind.
Und damit entsteht sofort eine zweite Frage:
Wie wird eigentlich über mich gesprochen, wenn ich nicht dabei bin?
Die professionelle Alternative ist erstaunlich unspektakulär:

„Alle Besonderheiten sind dokumentiert. Dem Klienten geht es sehr gut.“
Das ist keine sterile Kommunikation. Es ist sichere Kommunikation.
Die Übergabe gehört dem Klienten, seinem aktuellen Zustand, relevanten Beobachtungen und dem, was der nächste Kollege wissen muss.
Und plötzlich verändert sich die Atmosphäre im ganzen Raum.
Die Angehörigen müssen nicht Partei ergreifen. Der neue Kollege bekommt relevante Informationen. Und der Klient bleibt dort, wo er hingehört:
im Mittelpunkt.
2. „Ich bin doch die Fachkraft!“ – ja. Und genau deshalb darf ich zuhören.
Kaum eine Situation dürfte in langjährigen Intensivversorgungen mehr Konfliktpotenzial haben. Eine Angehörige sagt:
„Nein, so nicht! Das muss anders!“
Und in der Pflegefachkraft geht sofort etwas los.
Moment. Ich bin examiniert. Ich habe das gelernt. Ich weiß, was ich tue.
Die spontane Reaktion liegt nahe:

„Ich weiß schon, was ich tue.“
Hand hoch. Diskussion beendet. Problem gelöst? Ganz im Gegenteil. Denn jetzt stehen sich plötzlich zwei Formen von Kompetenz gegenüber.
Auf der einen Seite die professionelle pflegefachliche Kompetenz.
Auf der anderen Seite Menschen, die diesen einen Klienten möglicherweise seit zehn oder zwanzig Jahren kennen. Die wissen, wie er reagiert, welche Kleinigkeit funktioniert und welcher Handgriff ihm Sicherheit gibt.
Natürlich bedeutet das nicht, dass Angehörige pflegefachliche Entscheidungen treffen.
Aber es wäre geradezu absurd, dieses Wissen nicht zu nutzen. Deshalb sieht professionelle Souveränität anders aus:

„Zeigen Sie mir einmal, wie Sie das normalerweise machen.“
Und anschließend:
„Das ist hilfreich. Das übernehme ich und gebe es im Team weiter.“
Das Faszinierende daran:
Die Fachkraft verliert dadurch keinen Millimeter Kompetenz.
Im Gegenteil.
Wer souverän ist, muss seine Kompetenz nicht dadurch beweisen, dass er nichts mehr lernen kann.
3. Was passiert, wenn dieses Wissen nur in Köpfen steckt?
Damit kommen wir zum nächsten Problem. Die Angehörige kennt den Kniff. Kollege A kennt ihn inzwischen auch. Kollegin B vielleicht ebenfalls. Und dann kommt Kollegin C neu in die Versorgung.
Woher soll sie ihn kennen?
Genau hier entscheidet sich, ob eine Versorgung von einzelnen Menschen abhängig ist – oder ob sie als System funktioniert.
Bei Atemlos sieht das ungefähr so aus:

Schublade auf.
Nichts.
Nächste Schublade.
Auch nichts.
Der Klient wird unruhig.
Die Fachkraft wird hektischer.
Die Angehörigen beobachten die Situation und werden ebenfalls nervös.
Und schon entsteht jener Teufelskreis, den viele Menschen aus der häuslichen Intensivpflege kennen:
Unsicherheit → Eingreifen → noch mehr Unsicherheit → noch mehr Eingreifen.
Die Alternative ist beinahe langweilig.
Die Pflegefachkraft nimmt das iPad.
Dort steht:
Wo befindet sich das Material?Welche Besonderheit ist zu beachten?Wie wird es bei diesem Klienten konkret gemacht?

Ein Blick.
Ein Griff.
Alles da.
Genau deshalb ist gute Dokumentation nicht Bürokratie um ihrer selbst willen.
Dokumentation macht individuelles Wissen zu Teamwissen.
Und Teamwissen schafft Sicherheit – auch dann, wenn die erfahrenste Pflegefachkraft gerade nicht im Dienst ist.
4. Zwölf Stunden Dienst bedeuten nicht zwölf Stunden Aktion
Jetzt wird es heikel.
Denn natürlich kann eine Pflegefachkraft in einer 1:1-Versorgung nicht zwölf Stunden ununterbrochen hochkonzentriert am Bett stehen. Und sie soll es auch nicht, arbeitsrechtlich ist das sogar verboten!
Es gibt Phasen mit hoher pflegerischer Aktivität – und Phasen, in denen der Klient stabil versorgt ist und die Fachkraft vor allem interventionsbereit anwesend ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Darf eine Pflegefachkraft sich hinsetzen?“
Selbstverständlich.
Die Frage lautet:
Wie sieht diese Ruhephase aus?
Bei Atemlos wird aus dem Wohnzimmer des Klienten irgendwann das eigene Wohnzimmer.

Füße hoch. Fernbedienung. Chips. Pizza. Handy.
Und unmerklich verschiebt sich etwas:
Nicht mehr ich bin in der Häuslichkeit meines Klienten, sondern:
Ich bin hier jetzt irgendwie zuhause.
Eine professionelle Ruhephase fühlt sich anders an. Die Versorgung ist geordnet. Der Klient ist sicher. Die Fachkraft ist erreichbar und interventionsbereit – und darf trotzdem lesen, einen Kaffee trinken, durchatmen. Das ist kein Widerspruch.

Professionalität bedeutet nicht permanente Geschäftigkeit. Professionalität bedeutet, auch in Ruhe zu wissen, wofür ich hier bin.
5. Nähe ist wichtig. Aber wir sind nicht Teil der Familie.
Nach Monaten und Jahren entsteht zwangsläufig Nähe. Man kennt Geburtstage. Man weiß, was die Familie beschäftigt. Man verbringt Weihnachten, Wochenenden und Nächte miteinander. Und irgendwann passiert etwas sehr Menschliches: Die Pflegefachkraft erzählt auch von sich.
Zunächst ein bisschen.

Dann vom Streit mit dem Partner.
Von der Schwiegermutter.
Von Geldproblemen.
Vom Urlaub.
Vom Ärger mit Kollegen.
Und plötzlich sitzen Angehörige in ihrem eigenen Wohnzimmer und überlegen:
„Was sagt man jetzt eigentlich?“
Das Problem ist nicht, dass Pflegefachkräfte Menschen sind. Natürlich darf eine Beziehung herzlich sein. Natürlich darf gelacht werden. Natürlich muss niemand zwölf Stunden lang eine sterile Berufsrolle spielen.
Aber die Beziehung hat eine Richtung:
Wir sind für den Klienten da – nicht der Klient und seine Familie für uns.
Das ist der Unterschied zwischen Nähe und Entgrenzung.

Ein einfacher innerer Prüfstein kann helfen:
Hilft das, was ich gerade von mir erzähle, unserer professionellen Beziehung – oder lade ich gerade etwas bei Menschen ab, die sich dieser Situation kaum entziehen können?
Professionelle Abgrenzung ist deshalb keine Kälte. Sie ist Rücksichtnahme.
6. Der vielleicht gefährlichste Satz: „Warte mal, bis die hier Dienst hat.“
Eine neue Kollegin beginnt in einer Versorgung.
Sie ist noch unsicher. Sie kennt noch nicht jeden Ablauf. Vielleicht macht sie Dinge anders.
Und nun gibt es zwei Möglichkeiten.
Möglichkeit Atemlos:
„Wart ab, bis die hier Dienst hat …“

Dann kommt die Geschichte.
Sie kommt zu spät. Dokumentiert schlecht. Ist komisch. Macht dieses falsch und jenes sowieso. Das fühlt sich für die erzählende Pflegefachkraft möglicherweise sogar gut an.
Denn Zustimmung verbindet.
Nur leider entsteht dabei eine Allianz.
Pflegekraft + Pflegekraft + Angehörige gegen eine andere Pflegekraft.
Und spätestens dann hat die Versorgung ein Problem.
Denn aus einem Team werden Lager.
Wie mächtig die Alternative ist, zeigt sich an einem einzigen Satz:

„Die Lisa macht ihre Sache wirklich toll. Seit sie bei uns ist, hat sie sich super eingearbeitet.“
Vielleicht ergänzt die Kollegin:
„Sie ist ruhig, aufmerksam und denkt richtig mit.“
Was passiert jetzt?
Die neue Kollegin bekommt einen Vertrauensvorschuss, obwohl sie gar nicht im Raum ist.
Und die Angehörigen erleben:
Dieses Team trägt einander.
Das bedeutet nicht, Probleme schönzureden. Fachliche Probleme müssen angesprochen werden – aber dort, wo sie gelöst werden können.
Nicht als Unterhaltung im Wohnzimmer des Klienten.
Professionelle Teams sprechen miteinander. Nicht übereinander.
Was all diese Situationen gemeinsam haben
Übergabe. Angehörigenwissen. Dokumentation. Ruhephasen. Privates. Gespräche über Kollegen.
Auf den ersten Blick sind das völlig unterschiedliche Themen.
Tatsächlich haben sie denselben Kern.
In jeder Situation gibt es eine kurzfristig attraktive Reaktion:
Ärger rauslassen.Recht behalten.Nicht nachfragen müssen.Es sich maximal bequem machen.Sich jemandem anvertrauen.Bestätigung über einen schwierigen Kollegen bekommen.
Und dann gibt es die professionelle Reaktion.
Sie ist manchmal weniger befriedigend – zumindest für die nächsten dreißig Sekunden.
Aber sie verfolgt ein viel größeres Ziel:
Wie möchte ich hier in zwei Jahren arbeiten?
Möchte ich eine Familie erleben, die bei jedem meiner Handgriffe nervös wird?
Oder Angehörige, die wissen: Die Fachkraft fragt nach, wenn sie etwas nicht weiß.
Möchte ich ein Team, in dem jeder über jeden redet?
Oder Kollegen, von denen ich weiß: Wenn etwas nicht stimmt, sagen sie es mir – nicht der Familie.
Möchte ich mich zwölf Stunden verstellen müssen?
Nein.
Aber ich möchte vielleicht lernen, mich in einer fremden Häuslichkeit so selbstverständlich professionell zu bewegen, dass weder ich noch die Familie ständig über Grenzen nachdenken müssen.
Genau daraus entsteht etwas, das in der außerklinischen Intensivpflege unbezahlbar ist:
Vertrauen.
Die beste Versorgung erkennt man irgendwann daran, dass sie unspektakulär wird
Vielleicht ist das sogar das Ziel.
Nicht der Superheld.
Nicht die Pflegefachkraft, ohne die angeblich nichts funktioniert.
Sondern eine Versorgung, in der die Dinge funktionieren, auch weil die Pflegefachkraft kein Superheld sein muss.

Besonderheiten sind dokumentiert.
Wissen wird weitergegeben.
Angehörige dürfen Experten für ihren Menschen sein.
Die Pflegefachkraft bleibt Expertin für Pflege.
Kollegen stärken einander.
Probleme werden dort besprochen, wo sie gelöst werden können.
Nähe darf entstehen, ohne dass Rollen verschwimmen.
Und wenn gerade nichts zu tun ist?
Dann darf auch einmal Ruhe sein.
Der Klient ist gut versorgt. Die Angehörigen sind entspannt. Die Pflegefachkraft kann ihren Dienst machen, ohne zwölf Stunden unter Strom zu stehen.
Vielleicht arbeitet sie dort auch in drei Jahren noch gerne.
Das ist kein Zufall.
Das ist ein professionell gestaltetes Versorgungssetting.
Und was ist jetzt mit unserem Superhelden?
Vielleicht können wir unserem Pflegedienst Atemlos am Ende sogar etwas zugutehalten.
Sein Irrtum besteht nicht darin, dass seine Pflegefachkräfte zu wenig wollen.
Sondern manchmal darin, dass sie glauben, sie selbst müssten die Lösung sein.
Dabei ist die wirklich gute Pflegefachkraft nicht der Mittelpunkt einer Intensivversorgung.
Sie sorgt mit dafür, dass der Klient der Mittelpunkt bleiben kann.
Deshalb braucht gute Intensivpflege keine Superhelden.
Sie braucht fachlich starke Menschen, die zuhören können. Die Grenzen kennen. Die Wissen teilen. Die sich selbst reflektieren. Die andere stark machen. Und die verstehen, dass ihr eigenes Verhalten jeden Tag ein kleines Stück darüber entscheidet, ob aus einer 1:1-Versorgung ein dauerhafter Konflikt entsteht –
oder ein Ort, an dem Menschen über Jahre zufrieden miteinander leben und arbeiten können.
Fortsetzung folgt...
In Teil 2 drehen wir die Perspektive um.
Denn natürlich kann eine Pflegefachkraft noch so professionell auftreten: Eine gute Versorgung entsteht nicht allein durch sie.
Dann schauen wir auf Klienten und Angehörige – und auf die Frage, was sie dazu beitragen können, dass aus ihrem Zuhause auch für Pflegefachkräfte ein guter Arbeitsplatz wird.
Und selbstverständlich schauen wir auch wieder bei unserem Pflegedienst Atemlos vorbei.
Er wird uns vermutlich nicht enttäuschen. 😉



